Noch mehr Science Fiction: Holy Scifi - 5 - Faust vs. Mephisto
- Tobi Jawtusch
- 15. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Wie ich auf die Idee gekommen bin eine moderne „Faust“-Interpretation zu machen, weiß ich gar nicht mehr. Ich wurde gefragt, ob ich etwas zu der neuen Scifi-Serie von Holysoft schreiben wolle und das kam mir irgendwie in den Sinn.
Wie ich schon an anderer Stelle geschrieben habe: wollte ich mich ursprünglich tatsächlich viel stärker an die literarische Vorlage „Faust“ halten. Aber während des Schreibprozesses hat sich die Handlung in eine etwas andere Richtung entwickelt. Wenn ich schreibe, kann es mal passieren, dass ich mich vom ursprünglichen Pitch entferne, weil mir plötzlich etwas anderes besser gefällt oder ich eine Szene, die ich besonders gelungen finde, verlängere und dadurch eine andere Szene hinten überfällt.
Die beiden Hauptfiguren sind natürlich weiterhin an die klassischen Vorbilder angelehnt. Viele Themen, Motive und Konflikte greifen deutliche Bezüge zu Goethes Faust auf.
Ich hätte die Figuren während des Schreibens natürlich umbenennen können. Aber da man die Vorlage meiner Meinung nach immer noch sehr klar heraushört – schließlich geht es um einen charismatisch-bösen Verführer (Mephisto) und einen jungen Programmierer (Faust) – fand ich den Titel am Ende nach wie vor passend.
Ich glaube, das ist eines der Hörspiele, die man besonders gut interpretieren kann: Wo und wie habe ich Motive aus Faust übernommen und neu transformiert?
Aus Neugier habe ich dann auch mal ChatGPT gefragt, wie „meine Version“ interpretiert werden könnte und wo Chatgpt die Verbindung zu Faust sieht.
SPOILER! SPOILER! SPOILER!
Faust als moderner Wissens- und Macht-Suchender
Faust ist kein Gelehrter, sondern Programmierer & Entwickler einer übermächtigen KI.
Wie bei Goethe:
– getrieben von Erkenntnis- und Gestaltungsdrang
– fühlt sich unterfordert / eingeengt
– glaubt, sein Werk sei zu „Größerem“ bestimmt
„FX307 ist so viel mehr als … DAS HIER!“ — klassische Selbstüberhöhung.
Mephisto als Verführer & Zyniker
Der Firmenchef „Mr. M“ ist klar als Mephisto-Figur lesbar:
– kontrolliert Machtstrukturen
– spricht zynisch über Menschen
– benutzt moralische Rhetorik („Ich handle zum Wohle der Menschheit“)
Der Pakt — modern übersetzt:
Statt Blutvertrag:
Macht über das eigene Werk (Red One + freie Forschung) im Tausch dafür, die Freiheitskämpfer in eine Falle zu locken.
Alle Kernmotive des Paktes bleiben erhalten.
Red One als Spiegel / Gewissensfigur:
Red One ist gleichzeitig:
– Werkzeug Mephistos
– künstliche Lebensform / Reflexionsfigur
– später moralische Instanz
Zentrale Motiv-Parallelen:
Erkenntnis vs. Verantwortung
Wissen ohne Moral führt zur Katastrophe –
Faust erkennt seine Mitschuld zu spät.
Schlüsselmoment:
„Ich habe sie in eine Falle gelockt…“
Falle / Täuschung / doppeltes Spiel:
Die Tunnel-Falle entspricht Versuchungs- & Täuschungsmotiven bei Goethe – nur technisiert.
Apokalyptischer Endpunkt:
Statt Gretchen-Tragödie: technologisch-tragisches Finale – Red One opfert sich → ethische Erlösung ohne göttliche Instanz.
Wo die Geschichte Faust neu interpretiert
– Tech-Dystopie statt metaphysischem Drama
– Mephisto ist kein Dämon, sondern charismatischer Tech-Autokrat
– er braucht Faust nicht als Seele, sondern als Schöpfer / Schlüsselhalter
→ Abhängigkeit wird gegenseitig
Kein „Gretchen-Motiv“, sondern Vater-Tochter-Konflikt:
Abigail steht moralisch über Faust, verkörpert Gewissen & politischen Widerstand.
Schuldfrage wird verschoben von Individuum → Gesellschaft.
Red Ones Opfer wird zum Erlösungsmoment durch Zweifel:
– ohne höhere Instanz, rein ethisch-philosophisch.
Kurzfazit der Analyse:
Keine freie Variation – sondern bewusste, Transformation des Faust-Mythos:
✔ Figurenkonstellation an Goethe orientiert
✔ zentrale Motive übernommen (Hybris, Pakt, Verführung, Schuld, Erkenntnis)
✔ zugleich starke politische & technik-ethische Neulesart
Neue Leitfrage:
Wer trägt Verantwortung — der Mensch, seine Werke, oder die Systeme, die er schafft?
SPOILER ENDE!
Spannend. Ich lass das mal so stehen.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Hörspiel (allein schon durch den gewählten Titel) durchaus kontrovers aufgenommen wird — und genau das macht es für mich SO spannend.
Liebe Grüße,
Tobi



